Zahnsubstanzverlust: 9.200 Euro Schmerzensgeld und Schadensersatz sowie Vorbehalt der Ersatzpflicht künftiger Schäden

Wird zur Bracketbefestigung erforderlicher Adhäsiv-Kunststoff so abgeschliffen, dass dadurch ein Subtanzverlust der Zähne von 0,21 mm bis zu 0,3 mm und darüber verursacht wird, so liegt ein grober Verstoß gegen den zahnmedizinischen Standard vor (Leitsatz med|re)

Fachanwalt für Medizinrecht Leitner hat in einem gerichtlichen Verfahren vor der Zahnarzthaftungskammer des Landgerichts München I für die von ihm vertretene geschädigte Patientin einen Abfindungsvergleich geschlossen, der eine Schmerzensgeldzahlung von 8.000 Euro, einen materiellen Schadensersatz von 1.200 Euro sowie eine Vorbehaltsklausel  für den Ersatz aller künftigen materiellen Schäden enthält. Das Verfahren liegt zwar schon knapp drei Jahre zurück, hat aber letztlich an Aktualität nichts eingebüßt.

Bei der jungen Patientin wurden nach Entfernung ihrer Zahnspange die zur Befestigung der Klammern dienenden Brackets entfernt. Die Brackets werden mit einem Adhäsiv-Kunststoff auf die Zähne geklebt und nach deren Entfernung werden sodann werden die Kunststoffreste abgeschliffen. Dabei kommt es zwangsläufig zu einem Substanzverlust des Zahnschmelzes. Nach Ansicht der Sachverständigen aus einer Poliklinik für Kieferorthopädie liegt dieser aber bei maximal 50 Mikrometer (= 0,05 mm), was mit dem bloßen Auge nicht sichtbar ist. Bei der geschädigten Patientin wurden die Zähne allerdings derart massiv beschliffen,  dass die Substanzverluste teilweise mit bloßen Auge sichtbar waren und damit sicher über 0,3 mm (= 300 Mikrometer) lagen. Die teilweise gemessenen Werte lagen zwischen 0,21 mm und 0,3 mm, also weit über dem üblichen zwangsläufigen Substanzverlust. Aufgrund des normalen Gebrauchs der Zähne besteht trotz der großen Subtanzverluste zwar keine Frakturgefahr. Aber es kann nicht ausgeschlossen werden, dass traumatisch bedingte Frakturen schon bei geringerer Krafteinwirkung entstehen. Die Zähne müssen in Zukunft versorgt werden, z.B. mit Veneers, was heute etwa 1.000 Euro pro Zahn kosten kann und künftig sicher nicht günstiger werden wird. Veneers müssten sodann etwa alle 15 Jahre erneuert werden. Angesichts dessen ist der Vorbehalt der Ersatzpflicht künftiger materieller Schäden für die junge Patientin außerordentlich wichtig gewesen, weil hier definitiv noch ein fünfstelliger Schaden droht.

Der Anteil des Schmerzensgeldes von 8.000 Euro kann in diesem Fall als angemessen bezeichnet werden. Dieser Betrag liegt für eine Zahnarzthaftungsangelegenheit sogar noch vergleichsweise hoch, wenn man die generelle Zurückhaltung deutscher Gerichte bei der Ausurteilung von Schmerzensgeld bedenkt.

Allerdings wäre es insgesamt wünschenswert, wenn sich die deutsche Rechtsprechung ein wenig zukunftsorientierter in ihrer Bewertung menschlichen Leids zeigen würde. Fachanwalt Leitner legt deswegen einen sehr gesteigerten Wert auf eine detailreiche Darstellung der Leidenswege seiner Mandanten. Denn nur dadurch ist gewährleistet, dass sich das befasste Gericht etwas vertiefter in die Lage des Geschädigten versetzen kann, um dessen gesamtes Leid wenigstens annähernd zu erfassen.